Paleo: Schlemmen wie die ersten Menschen

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Die Steinzeit-Ernährung oder Paleo-Diät ist einer der ganz großen, neuen Trends. Auf der Suche nach der besseren Art zu essen verspricht Paleo viel und hat dafür auch einige sehr überzeugende Argumente. Wir haben uns den Trend aus unterschiedlichen Richtungen näher angesehen und dabei einige sehr spannende Ideen ausfindig gemacht. Lest hier mehr über einen Ernährungs-Stil, der es besser machen will, indem er uns zurück zu den Ursprüngen führt!

Paleo will nicht nur ein Trend sein: Folgt man den Ideen der lautstärksten Verfechter, so geht es um nicht weniger, als die artgerechte Ernährung für die Gattung Homo Sapiens. Wer sich für Paleo interessiert, hat mittlerweile eine riesige Auswahl an Ernähungsratgebern, Webseiten, Facebookgruppen und sogar spezialisierten Restaurants. Wer sich dort trifft, den eint der Wunsch, beim Essen „back to the roots“ zu gehen. Das darf durchaus wörtlich verstanden werden. Wurzeln stehen bei Paleo-Ernährung im Gegensatz zur Pizza durchaus auf dem Speiseplan.

Essen ist heute eben kein einfaches Thema mehr. Obwohl – gerade darum geht es beim Paleo vielleicht am meisten: Einfach essen. Allerdings nicht im Sinne von leicht und komfortabel. Dass einfach nicht immer leicht ist, mussten schon diejenigen, erfahren, die Paleo „erfunden“ haben. Damit meine ich keine ambitionierten Besseresser, denen Bio nicht genug ist. Ich meine unsere Vorfahren aus den Zeiten, als Jäger und Sammler sich Wald und Fluss noch mit dem Neandertaler teilten.

Doch zunächst einige grundlegende Gedanken. Paleo ist gerade in Mode. Und wie immer, wenn etwas zum Hype wird, sprechen viele darüber, gern soviel wie möglich, und sagen dabei höchst unterschiedliches. Unter dem Label Paleo finden sich Aussagen, die miteinander nicht so recht zusammenpassen wollen. Es gilt die alte Regel: Macht euch eure eigenen Gedanken! Was in Ratgebern steht, kann eine Anregung, Inspiration und Ideenquelle sein. Doch wenn ein Buch oder eine Webseite versucht, die Welt in feste Vorschriften zu fassen, dann wird es Zeit für kritische Distanz.

Die Idee hinter dem Paleo-Trend

Dann wollen wir mal versuchen, der Steinzeiternährung auf den Zahn zu fühlen. Um eins vorwegzunehmen: Ihr müsst dafür nicht in die nächstgelegene Tropfsteinhöhle umziehen. Es geht eher darum, Gewohnheiten und Gewissheiten zu hinterfragen und verschiedene Strukturen auf den Prüfstand zu stellen. Paleo will alles vom Tisch nehmen, was im Essen nichts zu suchen hat. Allerdings gibt es schon darüber viele Debatten, die zum Beispiel zwischen Paleo-Anhängern, Vegetariern und Veganern gern mit harten Bandagen geführt werden.

Einig sind sich die meisten modernen Ernährungstrends und die Ernährungswissenschaft bei solchen Einflüssen, die vor allem den Ansprüchen eine marktorientierten Industrie dienen. Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, Farbstoffe und Hilfsstoffe, das alles ist nicht für den Körper gedacht. Diese Zutaten sind vor allem notwendig, um in großen, industriellen Prozessen reibungslos produzieren zu können und um moderne Konsumentenerwartungen zu bedienen. Da sehnt man sich doch direkt nach dem einfachen Leben mit dem Faustkeil zurück!

Darüberhinaus hat Paleo den Anspruch, die Ernährung zu definieren, die am besten zum Menschen passt. Das Hauptargument ist, dass der Homo Sapiens und seine Vorgänger sich Zehntausende von Jahren auf eine natürliche, ideal angepasste Weise ernährt hätten. Erst vor ein paar tausend Jahren kam dann durch die Agrarrevolution ein neuer, wirtschaftlich bedingter Trend auf, der physiologisch „unnatürlich“ war. Wir haben nämlich angefangen, jede Menge Getreide und damit unnötige Kohlenhydrate zu verspeisen. Das will Paleo korrigieren und damit die Fitness und Leistungsfähigkeit maximieren und auch Zivilisationskrankheiten von Übergewicht über Diabetes bis Morbus Crohn den Garaus machen. Klingt erstmal plausibel, hat auch viele interessante Ansätze. Aber natürlich ist auch Paleo nicht über jede Kritik erhaben.

Was kommt auf den Steinzeit-Teller?

Die Paleo-Diät fragt konkret: Was haben unsere Vorfahren gegessen, als sie sich noch von der Hand in den Mund ernährt haben? Auf der Einkaufsliste stehen Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Eier und praktisch alle Tierprodukte. Dazu Nüsse, Samen, Kräuter, Pilze, Gemüse und Obst.

Das klingt erstmal recht umfangreich. Wer es einmal mit veganer Ernährung probiert hat und zudem vielleicht noch auf Gluten verzichten wollte, der musste mit weit weniger Auswahl zurecht kommen.

Bestimmte Zutaten werden kategorisch ausgeschlossen, weil sie für den Urmenschen in seiner natürlichen Umgebung nicht verfügbar waren. Reiner Zucker und gezuckerte Lebensmittel und Getränke bleiben draußen. Auch stark zuckerhaltige Fruchtsäfte müssen im Paleo-Haushalt außen vor bleiben.

Es gibt keine Milch und Milchprodukte. An die hat sich der Mensch nämlich erst gewöhnt, als er sich von seiner Urdiät schon länger verabschiedet hatte. Auf den Teller kommen auch keine Hülsenfrüchte und kein raffiniertes Pflanzenöl. Die gesättigten Transfettsäuren aus der Margarine waren dem Höhlenbewohner so unbekannt, wie Arteriosklerose.

Gleiches gilt für stark verarbeitete Lebensmittel wie Fertiggerichte und Tiefkühlpizza. Zum einen ist die Steinzeit-Diät per Definition von Einfachheit geprägt. Zum anderen gibt es bei komplexen Rezepturen keine ausreichende Kontrolle über die Inhaltsstoffe, weil die Vorgaben für die Kennzeichung unzureichend sind. Deshalb bleibt alles, wo nicht sofort klar wird, was drin ist, beim Paleo-Einkauf lieber im Regal.

Und schließlich das Wichtigste: Paleo bedeutet in vielen Interpretationen kein Mehl, kein Getreide und wenig Kohlenhydrate. Brot und Nudeln sind raus. Reis ist an der Grenze. Das Getreide ist ein Hauptthema, weil es in der westlichen Ernährung übermäßig dominiert.

Kritiker werfen der reduzierten Paleo-Ernährung ähnlich wie dem Veganismus gern eine einseitige Mangelernährung vor. Das ist witzig, wenn man bedenkt, dass der moderne Mensch beliebt, sich früh, mittags und abends hauptsächlich von Getreideprodukten und Fett zu ernähren. Vergleicht das mal mit der Einkaufsliste oben! Hier setzt Paleo durchaus interessante und bedenkenswerte Akzente.

Ist Paleo die bessere Art, zu essen?

 Fans halten Paleo für das Nonplusultra unter den Ernährungs-Stilen. Nun lässt sich das Gleiche aber auch von Fruktariern und Rohkostessern sagen. Und auch die eingängige Paleo-Idee hat einige Ecken, die sich durchaus kritisch hinterfragen lassen.

Zuerst ist die Definition an sich umstritten. Nicht nur Wissenschaftler sprechen davon, dass es die eine Steinzeiternährung nicht geben kann. Was man wann und wo gegessen hat, hing immer von den zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten ab. Es ist durchaus ein Unterschied, ob sich der Urmensch von Fisch und Robbenfleisch oder von Mangos und wildem Honig ernährt.

Auch die Getreidefrage ist umstritten. Es ist erwiesen, dass Vertreter der Hominiden schon lange vor dem Übergang zur Landwirtschaft auch die Samen von Gräsern geerntet haben. Aber wieviel Getreide ist jetzt noch Paleo? Kein Streit herrscht dagegen erstaunlicherweise über moderne Gemüsesorten, an die in der Steinzeit überhaupt nicht zu denken war. Blumenkohl? Eindeutig Paleo! Dabei kannten das Gewächs mit den hübschen Röschen noch nicht einmal die alten Römer.

Wir wissen zu wenig über die konkrete Ernährung im Paläolithikum, um einen annähernd korrekten Speiseplan aufzustellen. Die Aussagen, die im Umfeld von Paleo mit großer Überzeugung vertreten werden, sind alles andere, als wissenschaftlich belegte Fakten. Selbst Theorien bestehen oft aus mehr Spekulation und tradierten Vorstellungen. So zum Beispiel die Frage, wie oft die „Jäger“ tatsächlich Fleisch über dem Feuer hatten. Wenn jemand es Paleo nennt, wenn er sich täglich zwei Steaks auf den Grill schmeißt, darf man das durchaus mal hinterfragen.

Und hat Paleo nun einen gesundheitlichen Effekt? Auf jeden Fall. Auch viele wissenschaftliche Studien beurteilen den Paleo-Stil als günstig für die allgemeine Gesundheit, insbesondere für einige konkrete Situationen wie Übergewicht und verschiedene Allergien. Sie sind aber weniger euphorisch, als viele der leidenschaftlichen Vertreter.

Den größten Pluspunkt teilt sich Paleo mit manchen anderen modernen Ernährungs-Stilen: Wir fangen an, bewusst zu essen und mehr auf den Körper als auf die Werbung zu hören. Wann immer wir etwas an unserem Lebensstil ändern, kommen alle Systeme neu in Schwung und der Körper mobilisiert Reserven, die wir längst vergessen haben. Vielleicht liegt irgendwo in diesen wenig erforschten Gebiet zwischen Glückshormonen und Placebo auch der Grund für spektakuläre Heilerfolge. Und auch, wenn das so ist: Ein wirksames Placebo ist eine fantastische Sache und ein guter Grund, sich mit der Sache näher auseinanderzusetzen.

 

Also Vorsicht mit konkreten Vorgaben und rigorosen Ansagen. Gebraucht eure Intuition! Paleo taugt nicht als festes Regelwerk. Doch es ist eine spannende Orientierung. Und mehr sollte bei einem so vielseitigen und persönlichen Lebensthema wie „Was esse ich und warum?“ doch auch niemand nötig haben.

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