Spielzeugsicherheit Teil 2: Frau Müller & das bürokratische Kuschelmonster

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Im ersten Teil zum Thema Spielzeugsicherheit habe ich die Hintergründe erläutert, die es uns hier erlauben, mit ausreichendem Vertrauen ins Regal zu greifen. Im zweiten Teil dieses Artikels könnt ihr nun den Weg verfolgen, den ein Spielzeug von der Idee zum Produkt nehmen muss – mit all den Herausforderungen, die ein Hersteller für eure Sicherheit zu überwinden hat. Darf ich vorstellen: Frau Müller und ihr Kuschelmonster! 

Der Weg von der Idee zum Produkt ist spannend. Der Weg von der Idee zum sicheren, normkonformen und verkaufsfähigen Spielzeug ist aber noch viel spannender und vor allem schwieriger. Gerade bei kleinen, frischen Labels fängt dieser Weg meist mit einer tollen Idee an, wenn die ganze Verwandtschaft und alle Freunde und Bekannte sagen: „Oh, du kannst das so gut! Willst du das nicht mal zum verkaufen machen? Ich würde sofort was bestellen!“

So auch bei unserer fiktiven Frau Müller. Die hat für ihre zwei Töchter ganz wunderhübsche Kuschelmonster genäht und denkt gerade darüber nach, die in Kleinserie auch mal zu verkaufen. Wer weiß, vielleicht werden sie ein Hit und landen irgendwann sogar im Onlineshop von GALERIA Kaufhof? Hat es alles schon gegeben. Aber wenn Frau Müller jetzt schon wüsste, was aufgrund der Spielzeugsicherheit da alles auf sie zukommt – sie würde ihre Nähmaschine sofort wieder auf privat umstellen.

Der Kampf mit komplizierten Din-Normen

SorgenfresserAm Anfang hat unsere Frau Müller schon großes Glück gehabt. Sie hat noch vor der ersten Materialbestellung, geschweige denn vor dem Beginn einer Produktion, im Spielzeugladen nachgefragt. Dort wurde ihr dann schnell klar, dass ihre Kuscheltiere plötzlich keine Bastelei mehr sind, sondern echte, gewerbliche Spielzeugherstellung. Und damit unterliegt Frau Müller sämtlichen Anforderungen, an die sich jeder von der kleinen Basteltante bis zu den großen Weltmarken halten muss. Wer Teil Eins gelesen hat, weiß, das ist gar nicht so wenig.

Nun macht Frau Müller etwas sehr wichtiges: Sie macht sich eine große Tasse Tee und überlegt mit viel Zeit und Ruhe, ob sie das wirklich über sich ergehen lassen will. Dann entscheidet sie sich, keine Angst vor großen Normdokumenten zu haben. Sie räumt das Nähzeug erstmal bei Seite und beginnt, sich in die Regeln für die Spielzeugherstellung zu versenken.

So leicht kommt sie da aber gar nicht ran. Die Richtlinie gibt es zwar kostenlos. Aber die dazugehörigen Normen, in denen alles Relevante drin steht, sind so teuer, dass unsere Frau Müller dafür mehr investieren müsste, als für die Stoffe der ganzen ersten Kollektion. Das ist der Augenblick, an dem viele ganz kleine Spielzeugmacher leider schon das Handtuch werfen – jedoch nicht Frau Müller.

Jetzt wartet auf unsere verspielte, kreative Frau Müller aber erstmal der nächste Schock. Denn eine Din-Norm liest sich nicht so leicht, wie ein Kochrezept. Frau Müller hat dein Eindruck, dass die Normen aus Sicht der Hersteller durchaus ein wenig aufgeräumter und intuitiver gestaltet werden könnten. Es ist nicht leicht, das Thema an einem Zipfel zu fassen zu bekommen, ohne dass die andere Hälfte dabei vielleicht verloren geht. Und das darf nicht passieren. Denn soviel hat Frau Müller schon gelernt: Wenn das Kuschelmonster am Ende nicht allen Normen gerecht wird, dann bekommt es keine Eintrittskarte ins Spielzeuggeschäft und Frau Müller vielleicht obendrein noch richtige Schwierigkeiten mit der Gewerbeaufsicht. Dabei will sie doch eigentlich nur süßes Spielzeug machen!

Spielzeugklasse H und die mechanische Sicherheit von Knuddeltieren

Ohne erfahrene Beratung sind schwerwiegende Fehler und Auslassungen fast vorprogrammiert. Aber mit viel Geduld und einem Berater, der sich in diesem Dschungel auskennt, werden die zutreffenden Normenteile herausgefiltert. Was für ein Spielzeug ist denn das Kuschelmonster eigentlich? Anscheinend gehört es zur Spielzeugklasse H. Und es gilt ohne Zweifel als Spielzeug für Kleinkinder unter 36 Monate. Das bedeutet besonders strenge Auflagen!

Jetzt wird das Kuschelmonster nochmal von vorn bis hinten durchdacht und geplant. Und es wird eine ausführliche Dokumentation dazu angelegt. Frau Müller schreibt auf, wofür der Knuddelfreund gedacht ist und wie er ganz genau aussieht. Das Format dieser technischen Dokumentation ist auch in der Norm geregelt. Hinein gehört jeder kleinste Schritt vom Rohmaterial über das Schneiden, Anzeichnen und Nähen bis zum fertigen Plüschtier. Womit wird das Monsterchen gefüllt? Woraus bestehen die verschiedenfarbigen Fellanteile und aus welchem Stoff soll seine coole Latzhose bestehen? Jeder Knopf und jeder Faden, jeder Schnitt und jeder Stich wird penibel notiert. Auch die Lagerung der Materialien und die Verpackung bis zum Versand mus vorgeplant und beschrieben sein, lang bevor das erste Knopfauge angenäht worden ist. Dann ist erstmal wieder Zeit für eine große Tasse Tee.

Für die physikalische und mechanische Sicherheit müssen die Anforderungen für Spielzeuge mit weicher Füllung erfüllt werden. Das ist komplex, aber überschaubar. In Gedanken geht Frau Müller beim Lesen der Norm ihr Schnittmuster durch und stellt fest, dass sie viele der Vorgaben schon abhaken kann. Das Monsterchen sollte ursprünglich ein Gärtner werden und eine hübsche Metall-Harke in der Hand halten. Die ist aber ein bisschen spitz und lässt sich leicht ablösen. Also raus mit der Gärtneridee. Der geplante Hut könnte ebenfalls ein Problem werden, weil die Norm deutlich klar macht, dass sich auch bei rabiatem Spiel keine kleinen Teile lösen dürfen. Aber das lässt sich erst testen, wenn er fertig ist.

Die Entflammbarkeit ist ein Thema. Da ist das Füllmaterial noch einmal genauer zu prüfen. Die „Migration von Elementen“ ist beim Teddy zum Glück nicht so wichtig. Frau Müller hat weder Farbe noch Klebstoff eingeplant und ihre Materialien sind in dieser Hinsicht nicht verdächtig. Auch das kommt ausführlich belegt und nachvollziehbar begründet in die Dokumentation.

Spielzeug-Sicherheit: Was beinhalten die Materialien?

Nun könnte Frau Müller fast anfangen, zu nähen. Nur ein Thema ist noch nicht durchdacht: Die chemische Sicherheit. Bis jetzt konnte Frau Müller jedes Thema mit etwas gesundem Menschenverstand und einer nachvollziehbaren Darstellung gut handhaben. Aber wie soll Frau Müller mit Sicherheit sagen, ob in ihrem genähten Kuscheltier etwas drin ist, das in Kinderzimmern nichts zu suchen hat? Natürlich geht sie davon aus, dass mit den Stoffen aus dem Geschäft, in dem sie normalerweise ihre Stoffe besorgt, alles in Ordnung ist. Aber wie in aller Welt soll sie für jede einzelne als gefährlich eingestufte Substanz nachweisen, dass die Grenzwerte eingehalten sind? Wieder ist das Projekt ganz nah am Scheitern. Aber andere haben es ja auch irgendwie hinbekommen.

© Sergey Chayko - Fotolia.com

Wolle klingt als Naturmaterial ja erstmal unverdächtig, denkt sie sich, und beginnt mit den Wollstoffen und dem Filz. Nun kann Frau Müller nicht einmal überprüfen, ob die Wolle vielleicht mal mit verdächtigen Chemikalien behandelt wurde oder welche Stoffe der Hersteller ihrer Woll-Hausmarke zum Färben verwendet.

Es hilft das Gespräch mit anderen Spielzeugmachern. Da zeigt sich: Auf Anfrage können die Hersteller – Frau Müller hat jetzt richtige Zulieferer – darüber Auskunft geben, was in ihren Produkten steckt. Und sie garantieren in vorgeschriebener Form, dass bestimmte Normen eingehalten werden. Diese Hersteller haben selbst ein Interesse daran, die einschlägigen Normen einzuhalten. Frau Müller greift deshalb zum Telefon, schluckt dreimal und ruft dann bei der Firma an, von der Frau Müllers Stoffgeschäft ihre Lieblingswolle bezieht. Einige ungewöhnliche Telefonate später weiß Frau Müller, dass sie eine andere Wolle braucht. Nicht, weil ihr Material chemisch belastet wäre, sondern weil der Hersteller mit ihrer Anfrage vollkommen überfordert war und nicht in der Lage, die Normkonformität seines Materials für die Spielzeugherstellung förmlich zu erklären.

Zum Glück gibt es auch noch andere Marken und auch hier helfen andere Spielzeughersteller gerne weiter. Nach einer Woche hat Frau Müller endlich sämtliche Materialien zusammen – vom Nähgarn bis zum Knopfauge – mit der amtlichen Bestätigung der Hersteller, dass nichts drin ist, was für Kinder bis drei Jahre nicht drin sein darf. Auf eine Verpackung, die nur noch neue Probleme mitbringt, verzichtet sie von vornherein. Nun muss die Lieferung nur noch eintreffen und Frau Müller macht Pause. Die hat sie sich verdient, obwohl sie noch keinen Nadelstich gemacht hat.

Das Schicksal eines Prototyps: Versehrt, aber sicher

Endlich ist es soweit! Der erste Teddy der geplanten Serie ist fertig! Also mit voller Kraft rein in die Produktion und die Familie soll gleich mal die Werbetrommel rühren? Nein, noch nicht ganz. Den ersten Prototyp – oder vielleicht aus Sentimentalität lieber den zweiten – erwartet noch ein ungewöhnliches Schicksal. Jetzt wird nämlich nach Strich und Faden getestet, ob auch wirklich alles so passt, wie es Frau Müller sich normgemäß gedacht hat.

Die EN 71-1 zur physikalischen und mechanischen Sicherheit gibt ausführlich vor, welche Tests mit dem Prototypen noch zu machen sind. Da wird gezogen und gebogen, mit vorgeschriebener Kraft gerissen und auch ein schweres Gewicht fällt dem armen Knuddelmonster auf die weiche Brust. Frau Müller hat gut geplant und extra gut genäht: Der robuste Kuschelfreund übersteht alles unbeschadet und ohne ihr Vorwürfe zu machen. Auch der Hut bleibt fest am Kopf und darf daher bleiben. Aber die Sache ist noch lange nicht vorbei. Der Kleine soll auch waschbar sein. Er wird also nach festgelegter Prozedur eingeweicht, um zu sehen, ob sich nicht etwas herauslöst, das sich nicht lösen soll.

Jeder Test wird protokolliert und die Ergebnisse penibel notiert. Und als der plüschige Testkandidat wieder trocken ist und fast alles überstanden hat, kommt schließlich der letzte Test: Die Prüfung der Entflammbarkeit. Dafür hat sich Frau Müller extra Freunde und Familie eingeladen. Und unter geteilter Anteilnahme wird der arme Kerl draußen vor der Garage in Brand gesetzt. Die Norm gibt eindeutig vor, wie langsam und kontrolliert er abzubrennen hat, damit sich im Notfall die Kinder vom Gefahrenherd rechtzeitig entfernen können. Auch diesen Test hat Frau Müllers Monster gemeistert und alles ist auf Video. Die Spuren am Prototyp sind nun unübersehbar.

Trotzdem ist es ein toller Moment: Jetzt ist das Wichtigste geschafft. Es fehlen nur noch ein paar wichtige Kleinigkeiten. Da wäre die formgemäße Konformitätserklärung als Krönung der dicken Dokumentationsmappe. Damit bestätigt Frau Müller, dass alles in Ordnung ist und heftet sie erleichtert auf den erstaunlich dicken Ordner. Auch der Waschzettel will geplant sein. Der trägt im Fall des Plüschmonsters alle Angaben, die sonst auf die Verpackung müssen. Die Warnheinweise halten sich hier zum Glück in Grenzen. Und dort prangt auch die Krönung all der Anstrengungen: Das hart und ehrlich verdiente CE-Zeichen.

Und bevor Frau Müller nach gut einem Monat, die sie mit Papier, Grübeln und penibler Normerfüllung verbracht hat, mit der eigentlichen Arbeit in ihrem Hobbyraum beginnt, schläft sie sich erstmal wieder richtig aus. Das Monster ist jetzt auf alle Fälle sicher!

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