Smartwatch-Betriebssysteme: Die vier bedeutendsten Systeme im Überblick

Das Angebot an Smartwatches ist unübersichtlich: Von der Apple Watch über die kultige Pebble bis zur großen Android Wear-Kohorte. Dabei basiert die große Mehrheit auf nur vier verschiedenen Betriebssystemen. Grund genug, die noch einmal im Überblick vorzustellen. Erfahren Sie die Unterschiede zwischen Android Wear, Pebble OS, WatchOS und Tizen!

Wer eine Smartwatch sucht, achtet auf die Display-Auflösung, die Sensor-Ausstattung und natürlich auf den Look am Handgelenk. Daneben spielt aber nicht nur die Hardware eine wichtige Rolle für die User-Experience. Die Software-Plattform, das heißt das Betriebssystem, hat einen wichtigen Einfluss darauf, wie sich das smarte Device im Alltag benehmen und anfühlen wird.

Vier Betriebssysteme prägen als Software-Plattformen die Landschaft. Beim Kauf einer Smartwatch entscheiden Sie sich nicht nur für einen Hersteller und ein Modell, sondern auch für einen bestimmten Stil bei Ihrer Verwendung. Die Bedienung, der Zugang zu den Apps und der Überblick über Alerts und Nachrichten ist bei den verschiedenen Operating Systems auf jeweils eigene Weise gestaltet. Die Unterschiede liegen nicht nur im Detail. Die Art, wie hier die Schwerpunkte gesetzt werden, ist Ausdruck von ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf die Art, wie Technologie und Information im Alltag eine Rolle spielen.

Für die Käufer ist die Vielfalt ein großer Gewinn. Vom Linux-Puristen, der alle Fäden in der Hand halten will, bis zu dauerkommunizierenden Cloud-Surfern und selbsternannten Digital Natives findet jeder die Smartwatch, die dem eigenen Stil entspricht.

Android Wear: Intuitiv und immer mit einem guten Vorschlag zur Stelle

Android Wear gefällt auf den ersten und auch zweiten Blick mit seiner schicken, glatten Oberfläche. Das System ist relativ leicht zugänglich und komfortabel zu bedienen. Es dauert in der Regel nicht lange, bis der Nutzer die grundlegenden Kniffe herausgefunden hat, um der Uhr zu entlocken, was ihn interessiert.

Der Fokus auf die smarte und elegant beiläufige Assistenz liegt dem Betriebssystem praktisch in den Genen. Wurde doch das Muttersystem Android von Google in exakt diese Richtung hin getrimmt. Die Google Services wie Maps, Gmail, Translate, Voice und mehr bieten an allen erdenklichen Stellen kleine Hilfen an, die sich leicht wie von allein in die Tagesstruktur einfügen. Die Sprachsteuerung ist weit genug entwickelt, um mit lässiger Selbstverständlichkeit in der Straßenbahn "OK Google" ins Handgelenk zu hauchen.

Ein kritischer Blick unter die Motorhaube lohnt sich allerdings. Wohin Sie auch schauen, gerne schaut Google neugierig zurück. Für die potenten Google Services bezahlen Nutzer bekanntermaßen mit ihren persönlichen Daten. Im Online-Geschäft ist das Gang und Gäbe und Google ist darin ebenso wie im Komfort seiner Angebote kaum zu schlagen

Doch was für den einen eine großartige User-Experience ist, in die er sich wie in eine bequeme Wolke hineinbegibt, ist dem anderen zu viel des gut Gemeinten. So kann es User gerne mal irritieren, wenn sich Google Now Cards (Karten, die Aufenthaltsorte via Infos über z.B. den Google Kalender erfahren) mit bewundernswerter Hartnäckigkeit von selbst in die tägliche Lebensplanung einschaltet. Ein Beispiel: Der Google Kalender weiß, dass Sie Ihr letztes Meeting um 17 Uhr haben und zeigt Ihnen daher um 18 Uhr automatisch die Autofahrtzeit inklusive Stauinfo "nach Hause" an.

Ein großer Vorteil von Android Wear ist die Vielfalt bei den verfügbaren Modellen. Vom Luxus-Sortiment bei Tag Heuer über die sportliche Moto 360 mit GPS bis zur fashionesken Fossil Q Founder bieten Android Smartwatches eine Riesenauswahl an Looks und Stilen. Die Zahl der verfügbaren Apps ist enorm und der Zuwachs stetig. Die meisten Apps sind dabei nicht native, sondern laufen hauptsächlich auf dem Smartphone und nutzen nur mit einem kleinen Ableger den Speicher der Uhr. Das hilft nicht unbedingt der Performance, spart aber Akku und Rechenleistung.

Die Android Wear-Smartwatches lassen sich mit jedem Android-Phone mit Jelly Bean 4.3 oder höher verbinden. Die Kompatibilität zu den iPhones der jüngeren Generation stellt auch Nutzer der Apple-Smartphones zufrieden.

WatchOS und Apple Watch: Nicht einfach, aber schön

Apples WatchOS ist schön, komplex und hat eine ziemlich steile Lernkurve. Der Ableger von iOS hat ein großes Potential, das sich der Nutzer aber erst einmal aneignen muss. Apps spielen für die Nutzung eine zentrale Rolle. In benutzerdefinierten Anzeigen – im horologischen Jargon als "Komplikationen" bezeichnet – können ausgewählte App-Inhalte direkt auf dem Watchface angezeigt werden: Nachrichten, Wetter, Kalendereinträge etc.

Die Apple Watch kann sich nach den Worten von CEO Tim Cook mit der passenden Kombination an Anwendungen in praktisch alles verwandeln. Die Zahl der Apps kratzt an der 20.000. Das heißt, dass sich auch für die allermeisten Bedürfnisse eine App finden lässt. Vorausgesetzt, das iPhone ist in Bluetooth-Reichweite. Sonst wird die Smartphone-Erweiterung schnell taub und stumm. Denn auch bei WatchOS sind native Apps noch eine echte Seltenheit. Dadurch ist die Ladezeit der Apps recht träge und der Akku des iPhones kann im Gegenzug schneller matt werden als erwartet.

Mit WatchOS Time Travel erhalten Nutzer die lang ersehnte Möglichkeit, Nachrichten und Alerts zeitlich vor und zurück zu "scrollen". Was wir dem User dabei nicht verschweigen wollen: Diese clevere Funktion hat sich Apple nonchalant von der Pebble Timeline "ausgeborgt".

Über die Steuerung wurde viel geschrieben. Vermisst wird die sonst markentypische Klarheit und Einfachheit. Die Steuerung erfolgt größtenteils über Wischgesten, die auf der Uhr auch schnell daneben gehen können. Auch die Sprachsteuerung über Siri hat noch Luft nach oben. Das Potential ist allerdings gewaltig und nachdem das WatchOS 2 schon einiges umgesetzt hat, steht zu erwarten, dass die Apple Watch 2 bei der Bedienungsfreundlichkeit wieder zurück zu ihren Wurzeln findet.

Pebble: Das OS für die Crowd

Die Pebble fasziniert allein schon durch ihre Entstehungsgeschichte. Satte zehn Millionen Dollar sammelte die größte Kickstarter-Kampagne aller Zeiten ein. Mit diesem Polster wurde die faszinierende Smartwatch und auch das zugehörige Operating System Pebble OS entwickelt.

Mit ihrem Äußeren im Old School-Look und eine übersichtliche Architektur, die auf das Nötigste reduziert ist, begeistert sie nicht nur die Nerd-Fangemeinde. Statt blinkender Effekte gibt es einen klaren Überblick. Statt hochauflösendem HD einen bescheidenen, aber überzeugenden E-Paper-Screen, der sich im Layout und in der Darstellung an einer klassischen Zeitung orientiert.

Pebble OS ist kompatibel mit Android und Apple-Smartphones. Allerdings ist das OS weniger flexibel als Android Wear oder WatchOS, wenn es um die Interaktion mit den Apps auf dem Smartphone geht. Das Beantworten von Nachrichten ist zwar möglich, geht aber bei Android und WatchOS deutlich komfortabler.

Pebble ist ein vollwertiges Betriebssystem, im Gegensatz zu WatchOS und Android Wear, die ohne Begleit-Telefon wenig zu zeigen haben. Eines seiner interessantesten Features ist die Timeline als sekundärer Screen neben dem Watchface. Auf Knopfdruck reisen Sie damit 24 Stunden in die Vergangenheit und 48 Stunden in die Zukunft, um App-Informationen und Kalendereinträge in zeitlicher Reihenfolge zu checken. Das Feature ist ein deutlicher Zugewinn beim alltäglichen Nutzen, der von Apple auch prompt als "Inspirationsquelle" für die Time-Travel-Funktion genutzt wurde.

Das App-Angebot für Pebble mausert sich allmählich und bietet für manche Anforderungen vorzeigbare Lösungen, die man sich bei Android und WatchOS auch wünschen könnte. 

Tizen: Linux auf der Armbanduhr

Tizen ist ein Linux-Ableger, der nach ersten Android-Experimenten zur Basis für die Smartwatches der Samsung Gear Serie geworden ist. Das Setup des User Interface von Tizen fällt durch seine aufgeräumte Übersichtlichkeit auf. Es wirkt nicht so überfrachtet wie Watch OS und überlässt anders als Android dem User die Entscheidung, was er als nächstes tun will.

Ein Coup ist Samsung beim Thema Steuerung gelungen. Der Ring, die Lünette einer klassischen Armbanduhr, wurde hier zum einfachen und intuitiven Auswahlinstrument umfunktioniert. Bleibt bei Android und WatchOS mit fummeligen Kronen und winzigen Touchscreens die Erleichterung des Alltags leicht auf der Strecke, so hat die Lösung von Samsung das Zeug zum Standard.

Leider lässt für Tizen das App-Angebot noch stark zu wünschen übrig. Der Vorwärtsschub in der Entwicklung wie bei Pebble ist zwar abzusehen, muss aber noch Fahrt aufnehmen. 

Die Kompatibilität mit dem Smartphone ist bei den Samsung Gear Smartwatches ein spezielles Thema. Die Liste der kompatiblen Android-Smartphones ist lang, aber noch ausbaufähig. Eine gute Nachricht für alle, die das aufgeräumte Design des iPhones lieben und sich mit der komplexen Bedienung der Apple Watch nicht so recht anfreunden können: Die ersten Versionen des Gear Manager erschienen inoffiziell schon im April 2016. Der sorgt dafür, dass die Tizen-Smartwatch auch mit dem iPhone sprechen kann.