Wein-Mythen: Wahrheiten, Legenden und beliebte Irrtümer

Die Kultur um den Wein ist uralt und voller Mythen und Legenden. Immer wieder fallen in Gesprächen Sätze, die jeder kennt. Aber nur wenige wissen, ob das wirklich genau so stimmt, wie es gern erzählt wird. Ist Rotwein gut fürs Herz? Wird Wein tatsächlich besser, je länger er im Keller liegt? Und wird für einen Rosé tatsächlich Rotwein und Weißwein gemischt?


Mythos Nr. 1: Ein Gläschen Rotwein am Tag schadet nicht.

Es schützt vor Krebs, Schlaganfall und Falten, ist häufig zu hören. Und viele Franzosen, Spanier und Italiener sollen im Alter deswegen so frisch und energisch sein, weil sie täglich wenigsten ein Glas Rotwein trinken. Aber was ist dran am Mythos vom gesunden Rotwein?

Gerne wird auf Statistiken verwiesen, nach denen es in südlichen Ländern weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt. Die korrelieren wunderschön mit dem gefühlten, traditionellen Rotweinkonsum. Es werden die wertvollen Antioxidantien erwähnt. Und da sind die vielen Studien, die zeigen, dass Rotwein hilft, "böses" Cholesterin in "gutes" zu verwandeln und damit Arteriosklerose vorbeugt. Also auf die Flaschen und anstoßen auf eine lange Gesundheit?

So einfach ist es leider nicht. Viele Überzeugungen gründen sich auf Intuition und Bauchgefühl. Was kommt nun von dem kleinen Faktor Rotwein und was von den insgesamt unterschiedlichen Lebensbedingungen? In neueren Untersuchungen war der positive Einfluss nicht so deutlich nachzuweisen, wie es die Weinliebhaber gern gesehen hätten. Der nachweislichen Antioxidations-Wirkung tanninreicher Weine steht außerdem entgegen, dass Alkohol schlicht und einfach nicht zu den gesündesten Substanzen zählt.

Richtig gut hat sich laut den aktuellen Studien die körperliche Verfassung während des kontrollierten Weinkonsums bei den Probanden entwickelt, die regelmäßig Sport getrieben haben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Es gibt allerdings tatsächlich Anzeichen dafür, dass die sportliche Bewegung die günstige Wirkung tanninreicher Weine messbar verstärkt. Wer gesundheitlich auf Nummer sicher gehen möchte, ist aber gut beraten, die Dosis Alkohol gering zu halten und den Anteil regelmäßiger Bewegung im Tagesablauf zu erhöhen.

Mythos Nr. 2: Je älter der Wein ist, desto besser schmeckt er.

Nimmt die Qualität eines Weines tatsächlich zu, je länger er im Keller liegt? Ein beliebter Mythos ist der vom uralten Wein, der mit jedem Jahr immer besser wird. Andächtig schaut man auf die kaum noch lesbare Jahreszahl auf einer vergessenen Flasche in Großvaters Kellerregal. Wenn die aber geöffnet wird, ist das Ergebnis voraussichtlich eine trübe Enttäuschung mit saurer Essignote.

Tatsächlich brauchen viele Rebsorten eine ausgiebige Lagerzeit, um ihre beste Trinkreife zu erreichen. Das gilt vor allem für körperreiche Rotweine mit starken Tanninen. Beim mehrjährigen Ausbau im Eichenfass entwickeln sich ihre Noten ganz allmählich. Auch in der Flasche reift ein komplexer Wein noch viele Jahre bis zum idealen Genuss. So werden heute für einen Grand Cru-Bordeaux oder einen Amarone Gran Riserva aus den Achtzigern dreistellige Summen bezahlt.

Aber der Ausdruck "beste Trinkreife" beinhaltet auch, dass sie überschritten werden kann. Dann ist der Wein überlagert, schmeckt alt, verliert an Frische und Raffinesse. Wein ist nicht unendlich lange haltbar und irgendwann setzt auch die gefürchtete Essigsäuregärung ein.

Wesentlich häufiger als die großen Charaktere mit hoher Lagerfähigkeit, sind heute solche Weine, die schon mit der Abfüllung trinkreif sind. Das gilt nicht nur für die frischen, jungen Weißweine. Auch viele Rotweine wollen höchsten zwei oder drei Jahre alt werden, bis ihre beste Zeit gekommen ist.

Unbegründet ist der Mythos vom uralten Wein aber nicht: Ein hoher Zuckergehalt, starke Tannine und starke Säure können erstaunlich lange Haltbarkeit verleihen. Manche Roten aus dem Barrique und auch hochwertige Chardonnays und Rieslinge können ein erstaunlich hohes Alter erreichen. Und einige Süßweine und Likörweine wie der berühmte Sauternes sind durch ihren hohen Zuckergehalt beinahe unsterblich.

Mythos Nr. 3: Rosé ist eine Mischung aus Weiß und Rot.

Die Farbenlehre legt es nahe, aber wird für einen Rosé tatsächlich Rotwein und Weißwein gemischt? Dieses eingängige Stück Halbwissen verbreitet sich gerne unter Einsteigern. Der Gedanke klingt einleuchtend, tut dem faszinierende Blanc de Noir, wie der Rosé in seiner Heimat Champagne heißt, aber grobes Unrecht.

Ein Rosé ist ein Weißwein aus roten Trauben. Anders als beim klassischen Rotwein wird nach kurzer Standzeit die Maische vom Most getrennt und der noch helle Saft wird einzeln vergoren. Die dunklen Farbstoffe und auch die kraftvollen Tannine konzentrieren sich in den Schalen. Nur wenig davon geht in den Most über. So erhält ein Rosé aus roten Trauben seine zart rosa Färbung mit leichter Rotweinnote und eine Frische und Eleganz, die eher weißweintypisch ist.

Es gibt sie übrigens, die Weine, in denen sich weiße und rote Rebsorten mischen. Der bekannteste Vertreter ist der Champagner, der neben dem weißen Chardonnay mit Spätburgunder und Schwarzriesling gleich zwei rote Rebsorten enthält. Allerdings beide als Blanc de Noir. Auch beim italienischen Chianti war es lange Zeit üblich, neben dem Sangoviese auch weißen Trebbiano und Malvasia zum Verschnitt zu verwenden.